Interview mit Dr. Katrin Korth
Dr. Katrin Korth ist Stadtplanerin und Leiterin des Büros Korth StadtRaumStrategien. Sie berät Kommunen, private Auftraggeber, Bürgerinitiativen und Parteien bei der Gestaltung von Stadtumbauprozessen. Ein besonderer Fokus ihrer Arbeit liegt auf Wasser im urbanen Kontext sowie auf klimaangepasster Stadtplanung. So entwickelte sie für die Stadt Karlsruhe ein Trinkbrunnenkonzept, das seit 2021 Schritt für Schritt umgesetzt wird.
Warum finden Sie das Thema sauberes Trinkwasser so wichtig?
Wir setzen es als selbstverständlich voraus, dass Trinkwasser und eigentlich überhaupt Wasser sauber ist. Jenseits des globalen Kontextes, den es hier gibt, ist das aber auch bei uns in Deutschland seit geraumer Zeit nicht mehr selbstverständlich. Es gibt Regionen, in denen das Grundwasser als Quelle für die Trinkwasserversorgung durch Gülleeinträge so verschmutzt ist, dass die Versorgung der Menschen mit Trinkwasser zur Herausforderung wird. Ich lebe im Landkreis Rastatt, wo das Grundwasser mit PFAS verunreinigt ist, was mittlerweile einen riesigen Aufwand für die Wasserversorger verursacht und das Trinkwasser immer teurer macht. Dazu kommt der Klimawandel, der für bestimmte Regionen, beispielsweise Berlin, Wasserknappheit prognostiziert. Ein weiterer Aspekt beim Klimawandel ist die zunehmende Hitze. Ausreichend Trinkwasser wird da immer lebenswichtiger.
Gibt es weibliche Persönlichkeiten, die Sie in Ihrer Arbeit inspirieren?
Nein. Und das finde ich schade. Die gesamte Ingenieursbranche in Deutschland ist überwiegend männlich. Männer bestimmen über die Art unserer Verkehrsplanung; Männer bestimmen, wie Häuser mit Strom und Wasser versorgt werden; Männer diskutieren über erneuerbare Energien. Auch wenn das etwas pauschal klingt, ist es doch so, dass weibliche Perspektiven weitgehend fehlen. Das ist heute so und war auch historisch so. Ich erzähle meinen Studierenden dazu immer eine Geschichte, die das verdeutlicht: als die zentrale Trinkwasserversorgung in Deutschland Einzug hielt und die Häuser eigene Trinkwasserleitungen und private Hausanschlüsse erhielten, war das eine investorengeprägte Entwicklung. Mit Trinkwasser ließ sich viel Geld verdienen. Während die armen Menschen weiter an öffentlichen Brunnen ihr Wasser holten, hatte die bürgerliche Gesellschaft schon früh eigene Hausanschlüsse. Das ist die eine soziale Perspektive. Die Investoren haben in ihren Werbeprospekten aber auch damit geworben, dass mit dem privaten Wasseranschluss die Hausfrau oder Hausangestellte nicht mehr auf die Straße zum öffentlichen Brunnen gehen muss und dort die Zeit mit Klatsch und Tratsch verbringt. Die Durchsetzung der zentralen Trinkwasserversorgung hatte eben auch das Ziel, wenn auch nur implizit formuliert, Frauen aus dem öffentlichen Raum zu vertreiben und eine bürgerliche, männlich bestimmte Ordnung zu manifestieren. Das ist die andere soziale Perspektive, die auch in vielen anderen Lebensbereichen so wirkt und am Ende auch darin resultiert, dass Frauen weniger präsent in der Politik sind.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in diesem Handlungsfeld?
Ich bin strategische Planerin und mir geht es um grundsätzliche Themen der Stadtentwicklung. Ich stoße beim Thema Trinkwasser vor allem auf eine Herausforderung: sehr detaillierte technische und wasserhygienische Vorgaben, nicht nur im Kontext der Trinkbrunnen, sondern auch bei Kinderspielplätzen und öffentlichen Wasserspielen. Wir betreiben mittlerweile einen unfassbaren Aufwand, der jenseits des Notwendigen und Sinnvollen in einigen Vorschriften oder „Empfehlungen“ irrationale Züge angenommen hat.
Was wünschen Sie sich in Bezug auf Leitungswasser?
Ich wünsche mir persönlich natürlich sauberes Leitungswasser, wenn ich meinen Wasserhahn aufdrehe. Gesellschaftlich braucht es meines Erachtens viel mehr die Diskussion, an welchen Orten und für welche Nutzungen wir wirklich Trinkwasser brauchen. Viele Anwendungen erfordern nicht zwangsläufig Trinkwasser.
Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, damit unser Trinkwasser auch in Zukunft seine hohe Qualität behält?
Es braucht eine ehrliche Auseinandersetzung darüber, welche Ursachen zur Trinkwasserverschmutzung bzw. zur Verschmutzung der Grundwasservorkommen führen und wie diese Verschmutzungen verhindert werden können. Ich sehe hier vor allem die Landwirtschaft, vor allem die industrielle Massentierhaltung, in der Pflicht.